Disruption - das Spiel mit Technologien und Paradigmen

psychologie, philosophie und technologie - next generation portals (SharePoint, Office 365, Windows Azure)

Session zum Thema "Disruption" auf der ShareDev Cologne von Nicki Borell & Christian Glessner …ein bisschen provokativ – genau wie das Thema :-)

…Frage in die Runde: wer von Ihnen glaubt, dass Enterprise Social funktioniert hat? – keiner meldet sich…

Jack Welch, CEO von General Electric 1981 – 2001: "if the rate of change on the outside exceeds the rate of change on the inside, the end is near" – Die IT-Lösungen, die im privaten Umfeld heutzutage genutzt werden, sind deutlich fortschrittlicher und innovativer als die IT-Lösungen vieler Unternehmen. Im Sinne des Zitats von Jack Welch wird es also höchste Zeit für Unternehmen, aktiv zu werden…

Diese zwei Statements bringen treffend auf den Punkt um was es im Buch „Disruption - das Spiel mit Technologien und Paradigmen“ von Nicki Borell geht. Veränderungen brauchen Zeit, große Dinge beginnen oft klein, und neue Ideen und Ansätze werden meist erst einmal skeptisch gesehen – aber die Zeit ist reif und die Revolution in der IT und damit in den Unternehmen und unserem Arbeitsalltag hat bereits begonnen, Sie haben es ggf. nur noch nicht gemerkt…

Ein Buch für CIO´s, Anwender, Projektleiter, IT-Architekten, Neugierige, Administratoren, vielleicht sogar für Entwickler, Vordenker und Querulanten.

Leseprobe

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Christian Glessner, SharePoint MVP

Disruption and the Responsive Organisation Seit mittlerweile 11 Jahren berate ich Kunden hinsichtlich SharePoint basierten Zusammenarbeitslösungen. In diesen 11 Jahren hat sich die Welt extrem verändert. Nur die meisten Firmen nicht! Sie basieren auch heute noch weitgehend auf hierarchischen Modellen, die zur Zeit der industriellen Revolution entstanden sind. Diese Organisationformen sind dazu optimiert, effizient und in sehr großen Massen gleichbleibende oder ähnliche Produkte zu produzieren. Sie sind starr, unflexibel und können nur sehr schlecht auf Veränderung reagieren.

Disruption Im Gegensatz dazu haben sich die Märkte und Konsumenten stark verändert. Das Internet, Smart Phones und Cloud Computing haben die klassische Ökonomie auf den Kopf gestellt und die Erwartungen und die Bedürfnisse der Konsumenten verändert. Während die technische Innovationskurve und mit Ihr zusammen die Erwartung der Konsumenten nahezu exponentiell steigen, scheinen die firmenkulturellen und politischen Innovationskurven hingegen nur sehr langsam und linear zu steigen. Je größer die Fläche zwischen den Kurven wird, desto höher das Potential für eine sogenannte Disruption.

Disruption bedeutet in diesem Zusammenhang eine Zerstörung, ein Zusammenbrechen von einem Markt, einer Branche oder eines Monopols. Der Begriff gehört fest in den Wortschatz des Silicon Valley, der weltweiten Hochburg für Software- Innovationen. Dort wird praktisch täglich diskutiert, wie man mit neuen Innovationen, neuen Apps und neuen Plattformen alte Märkte oder Branchen zerschlagen kann. Das Wort Disruption gilt in den USA sogar schon als Buzzword.

Eine Disruption konnten wir gut in der Musikindustrie durch das Aufkommen des MP3- Formats beobachten. Nehmen wir zum Beispiel die Firma Tower Records. Tower Records wurde 1960 in Kalifornien gegründet und war sehr erfolgreich im Einzelhandel mit Schallplatten, Kassetten und später CDs. Die Firma hatte ihren Höhepunkt 1999 mit einem Umsatz von ca. 1 Milliarde Dollar. 2004, nur 5 Jahre später war Tower Records zum ersten Mal bankrott. Ungefähr zum Höhepunkt von Tower Records kam Napster, eine Musik-Filesharing-Plattform, ins Spiel und 2003 iTunes von Apple mit einem kommerziellen Ansatz für Musikverkauf über das Internet. Hätte Tower Records auf das Feedback der Konsumenten in den Plattenläden reagiert, statt es zu ignorieren, und rechtzeitig in Online-Musikplattformen investiert, hätte der Bankrott wahrscheinlich verhindert werden können. Diejenigen, die heute - nach der Disruption - am meisten in der Musikindustrie verdienen, sind die Betreiber der Musikplattformen.

Auf Grund der heute fast völligen Transparenz von Märkten und Produkten hat der Konsument wesentlich mehr Macht. Er gibt den Takt an! Und die Firmen müssen mit der Geschwindigkeit mithalten - ob Sie wollen oder nicht. Dies betrifft nicht nur den Einzelhandel, sondern die komplette Supply Chain. Wenn die Produkte und Anforderungen sich immer schneller ändern, müssen Lieferanten auch immer schneller in der Lage sein, die entsprechenden Rohstoffe bzw. halbfertigen Erzeugnisse zu liefern. Das Gleiche gilt natürlich auch für die Lieferanten vom Lieferanten usw. Letztendlich wird kein einziges Produkt oder halbfertiges Erzeugnis erstellt, das nicht am Ende der Supply Chain beim Konsumenten landet. Auf dieser Gegebenheit basiert auch das deutsche Mehrwertsteuergesetz.

Der Kunde der alten Ökonomie hatte ungefähr die Wendigkeit eines Mammuts. Es kann durchaus sinnvoll sein, Mammuts mit Panzer zu jagen, aber würden Sie auch einen Hasen mit einem Panzer jagen? Jack Welch hat das in dem folgenden Satz schön zusammengefasst: „If the rate of change on the outside exceeds the rate of change on the inside, the end is near.“

Responsive Organisation Wenn die alten Organisationsmodelle nicht mehr passen, wie sehen dann die neuen aus? Sie müssen darauf ausgerichtet sein, schnell zu lernen und sich veränderten Situationen schnell und in kleinen Zyklen anzupassen. Sie müssen sich von Hierarchien zu Netzwerken, von Kontrolle zur Eigenverantwortung, von extrinsischer Motivation zur intrinsischen Motivation und vom Kunden und Partner zur Gemeinschaft entwickeln. Diese Art der Organisation wird heute häufig als Responsive Organisation bezeichnet. Das Problem mit Hierarchien ist, dass der Informationsfluss sehr langsam ist. Die Information, z.B. Kundenfeedback, muss erst von einem Mitarbeiter einer Filiale entlang der Hierarchie hochwandern und dann wieder runter zu anderen Filialen, um das Feedback zu prüfen und dann wieder die Hierarchie hoch usw. - bis schließlich etwas unternommen wird oder auch nicht. Der Prozess...

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“If you ask why, you will never understand” ist ein Zitat aus dem Buch “Bis zum Äussersten” von Bennie Lindberg. Es hat nichts mit Portallösungen, Microsoft Technologien oder IT überhaupt zu tun, aber mir gefällt der Spruch und der Gedanke dahinter. Nicht zuletzt hat es auch einen Bezug zu diesem Buch hier. Wenn Sie sich beim Lesen des Buchtitels, diesem Vorwort oder beim Inhaltsverzeichnis fragen, was das hier alles soll, dann macht es wenig Sinn, weiterzulesen. In diesem Fall trotzdem Danke fürs Kaufen und das Interesse am Buch und dem Thema und weiterhin viel Glück und Erfolg.

Seit über 10 Jahren beschäftige ich mich mit Portallösungen und Webtechnologie im Microsoft Umfeld. In dieser Zeit habe ich… blablabla.

Nein, also jetzt nochmal richtig. Sie hätten dieses Buch nicht gekauft, wenn Ihnen nicht schon zu oft ein Vortrag, der genau so anfängt, gehalten worden wäre.

Unternehmen geben Hunderttausende und Millionen von Euro für webbasierte Lösungen aus. So weit so gut. Qualität kostet eben.

Das Entscheidende sind nicht die Kosten, die entstehen - obwohl: zusehends ist sicherlich auch das ein Aspekt, vor allem wenn man die Halbwertszeit solcher Lösungen betrachtet. Das Problem ist, dass trotz all der Mühe, Zeit und Geld, die investiert werden, am Ende leider häufig ein Produkt steht, das nur mäßig gut ankommt.

Auch zu diesem Thema gibt es Bücher, HowTo Videos, Seminare und Wunderheiler wie Sand am Meer, und wie bei fast allen Themen gibt es auch hier Ratgeber und Trainer, die wirklich gut sind und nicht nur eine Methode predigen bzw. nachplappern sondern diese Disziplin wirklich beherrschen.

Wenn Sie es also schaffen, Zeit, Geld, das richtige Konzept, Managementunterstützung, Ressourcen, IT, Entwicklung, Chancenmanagement und die richtigen Berater auf den Punkt zusammen zu bringen, haben Sie eine durchaus realistische Chance, ein erfolgreiches Portalprojekt umzusetzen. Als Berater sollten Sie versuchen, Bill Gates, Steve Jobs, Alfred Hitchcock, Mister Spock, Captain Kirk, Sigmund Freud, Dr. Eckart von Hirschhausen, Harald Lesch, Mary Poppins, Helmut Schmidt und noch ein paar andere herausragende Persönlichkeiten in ihrem Projektteam zu vereinen. Mal abgesehen davon, dass es einige von denen gar nicht oder nicht mehr gibt - wäre auch das wahrscheinlich kein Garant für einen Erfolg, nicht zuletzt deshalb, weil diese Leute sich wahrscheinlich ziemlich schnell in die Haare bekämen. Man stelle sich nur mal Mister Spock und Steve Jobs zusammen an einem Tisch vor…

Also wie nun?! Naja, warum nicht in der IT auch endlich mal einen Ansatz wählen, der in anderen Bereichen der Industrie schon lange erfolgreich als „Berater“ zum Einsatz kommt – die Evolution, die Natur und soziale Systeme.

Nehmen wir zum Beispiel ein Ameisenvolk, denn gerade da fällt selbst dem flüchtigen Betrachter auf, wie gut organisiert die Tiere sind. Natürlich wissen wir es nicht mit allerletzter Gewissheit, vermutlich ist es aber nicht so gewesen, dass sich das Ameisenvolk irgendwelche Berater bei einem benachbarten Ameisenstaat eingekauft hat, für, sagen wir mal, 3 Grillen und einen Regenwurm, plus Reisekosten, um zu planen, wie das Volk zu organisieren sei, die tägliche Arbeit abzubilden ist oder wie Neuigkeiten zu kommuniziert sind. Es folgt einer natürlichen Ordnung. Jeder Ameisenforscher - eine List aller Ameisenforscher die es weltweit gibt, finden Sie im Übrigen hier: http://www.antwiki.org/ wiki/Welcome_to_AntWiki - kann das ganz sicher auch im Detail erklären. Fakt ist, dass basierend auf Regeln und Prozessen, die evolutionär gelernt und verankert sind, das Ganze funktioniert.

Informationen, Verhaltensregeln, Ordnung und Muster sowie Vorgaben und Prozesse müssen also auch anders in einer komplexen sozialen Struktur verankert werden können als das bisher oft im Rahmen von Portallösungen versucht wurde.

Wie funktioniert sowas im Alltag? Wenn wir auf eine rote Ampel zufahren, fangen wir auch nicht jedes Mal neu an zu überlegen, dass wir nun die Geschwindigkeit verringern müssen und Auskuppeln und Bremsen angesagt ist. Wir haben verinnerlicht, was zu tun ist, nachdem wir es in der Fahrschule gelernt haben. Das lässt sich eins zu eins auf Portallösungen übertragen.

Beschulungskonzept ist hier das Stichwort. Was aber nun, wenn die Ampel an der Kreuzung ausgefallen ist oder ein Verkehrskreisel an Stelle einer ampelgeregelten Kreuzung vorgefunden wird. Kommt es dann zum Verkehrschaos? In aller Regel nicht – und das ist der Unterschied.

Bedeutet das nun, dass bisher nur unfähige Leute Portallösungen konzipiert und umgesetzt haben? Nein, natürlich nicht. Hier spielen viele Faktoren eine Rolle. Ein wesentlicher Aspekt ist, dass die Technologien, um die es im Folgenden gehen wird, uns erst seit kurzem zur Verfügung stehen, teilweise sind sie sogar noch in der Entwicklung.

Eine weitere Eigenart von komplexen Systemen und lernenden Strukturen spielt hier eine große Rolle. Ein gelerntes und verinnerlichtes Verhaltensmuster wird beibehalten. Warum auch nicht, es hat die ganze Zeit ja so funktioniert. Alles Neue hat es damit also erst einmal schwer.

In den letzten 30 bis 40 Jahren haben wir gelernt, unsere Inhalte in Ordnern und Ordnerstrukturen abzulegen. Solange die Menge an Informationen nicht zu groß bzw. komplex wird, lässt sich damit auch hervorragend arbeiten. Diese Denkweise, Informationen zu strukturieren und kategorisieren ist stark angelehnt an die früheren Registraturen und Bibliothekskataloge - da stammt ja auch das typische Ordnersymbol her.

Das System war also, gerade in den Anfangsjahren des Informationszeitalters, absolut brauchbar und wurde daher als valide gelernt und in unseren Verhaltensmustern abgespeichert. Die Welt hat sich verändert und die Menge an Daten, die wir tagtäglich produzieren und die in der einen oder anderen Form für uns relevant sind oder sein könnten, wächst und wächst. Das Problem ist nun, dass es uns nur schwer bis gar nicht gelingt, dieser Veränderung gerecht zu werden.

Wenn wir uns solche Entwicklungen von außen bzw. rückblickend ansehen, erscheinen sie sehr viel klarer. Ein Beispiel gibt uns die US amerikanische Automobilindustrie. In den 1950er und 1960er Jahren strotzte diese vor Kraft, Ansehen und Geld. Ein Zitat aus dieser Zeit sagt „Wir machen Geld – keine Autos“ oder „der US amerikanische Automarkt ist losgelöst vom Rest der Welt“ und das stimmte damals ja auch.

Was man jedoch völlig übersah, waren die Veränderungen, die sich ergaben, als die Japaner und zuletzt auch die Europäer begannen, auf den US Automarkt zu drängen. Die US Autobauer waren schlicht blind für diese Entwicklung, denn ihre Vorgehensweise und Firmenpolitik hatte ja jahrelang sehr gut funktioniert und war daher als valide gelernt und etabliert. Wohin das führte wissen wir alle.

Als erkannt wurde, dass man umdenken muss, war es fast zu spät. Lee Iacocca brachte es als Vorstandsvorsitzender von Chrysler auf den Punkt, als er sagte: „Die einzige Möglichkeit ist, gute Produkte herzustellen, sie mit konkurrenzfähigen Preisen zu versehen und dazu einen ordentlichen Kundendienst anzubieten. Wenn man das fertigbringt, dann rennen einem die Käufer die Tür ein.“ Leider kamen diese Erkenntnis und das Umdenken sehr spät.

Angelehnt an das Beispiel mit der Automobilindustrie in den USA könnte man also den Rückschluss ziehen, dass sich das Problem irgendwann einfach von selbst löst, weil überholte und ineffiziente Lösungen aussterben oder irgendwann die nötigen Lektionen gelernt werden. Dieser Ansatz führt ziemlich sicher, zumindest zum Teil, tatsächlich zur Lösung. Auch solche technischen Evolutionen unterliegen zuletzt der Theorie der Evolution in der Natur: „was funktioniert wird sich durchsetzen“ und was nicht funktioniert wird aussterben.

Ein paar Aspekte gilt es hier aber noch zu bedenken. Umberto Eco schreibt in seinem Roman „Das Foucaultsche Pendel" - "Für jedes komplexe Problem gibt es eine einfache Lösung und die ist die falsche.” Oder anders gesagt: Verlässt man sich darauf, dass sich das Problem auswächst, stirbt ggf. das Unternehmen zusammen mit dem Problem aus.

Was für die heute 50 jährigen fließendes Wasser und Strom ist, nämlich eine Selbstverständlichkeit, das sind für die kommende Generation an Berufstätigen, Sachbearbeitern, Abteilungsleitern und Managern Techniken, wie Tagging, Apps, Machine Learning, Software as a Service, virale Kommunikation usw. – Also technologische Ansätze, die bewiesen haben, dass sie Lösungen für aktuelle Probleme wie Datenflut, Informationsmanagement etc. bieten. Diese Ansätze sind rein evolutionär entstanden, haben sich durchgesetzt und bewährt, wenn auch zurzeit hauptsächlich noch im privaten Umfeld, und funktionieren deshalb so erfolgreich.

Diese Techniken sind die Bausteine für Portallösungen und Informationsarchitekturen der Gegenwart und der Zukunft.

Warum scheitern so viele Intranet- / Extranet- oder auch Internet-Projekte bzw. warum ist trotz immenser Aufwände und Anstrengungen, guter Vorbereitung und Techniken wie Mitarbeiterbefragungen, Early Adoption, agilem Vorgehen usw. die Resonanz und das Feedback meistens eher mäßig? Oder warum ist der Erfolg meist nur von kurzer Dauer, sollte das alles nicht zutreffen und es ist wirklich gelungen, eine erfolgreiche Portallösung umzusetzen, die auch gut angenommen wird?